Mit einem Atemzug in die Tiefe

Andreas Muschalle mit Apnoeausrüstung am Einstieg zum See
Auf der Terrasse des Vereinsheims des Tauchclubs Hohensachsen erklärt Apnoetaucher Andreas Muschalle, worauf es beim Tauchen mit nur einem Atemzug ankommt. – Bild: Fritz Kopetzky

Porträt: Andreas Muschalle bleibt minutenlang unter Wasser – ganz ohne zusätzlichen Sauerstoff. Warum ihn das Apnoetauchen nicht mehr loslässt.

Von Ann-Kathrin Greinert

WEINHEIM. Ruhig atmet Andreas Muschalle ein und aus. Dann holt er ein letztes Mal tief Luft und taucht ab in den Waidsee. Im trüben Wasser des beliebten Baggersees kennt er die besten Stellen, um die Unterwasserwelt zu beobachten. Zwischen grünen Pflanzen verstecken sich Welse, Barsche und Karpfen kreuzen seinen Weg. Viele dieser Begegnungen hält der Weinheimer mit seiner Kamera fest.

Was zunächst wie ein gewöhnlicher Tauchgang klingt, ist allerdings keiner. Muschalle schnorchelt nicht und trägt auch keine Sauerstoffflasche auf dem Rücken. Wenn er abtaucht, hat er nur die Luft zur Verfügung, die er zuvor eingeatmet hat. Seit rund zehn Jahren ist der 69‑Jährige Apnoetaucher und Mitglied im Tauchclub Hohensachsen, dessen Vereinsheim direkt am Ufer des Waidsees liegt. Zum Tauchen mit nur einem Atemzug kam er eher zufällig – die Begeisterung dafür ist bis heute geblieben.

Begeisterung für Unterwasserwelt

„Ich bin schon immer gerne geschwommen, habe es dann aber viele Jahre vernachlässigt“, erzählt Muschalle bei einem Gespräch auf der Terrasse des Vereinsheims. Ein Badeurlaub am Roten Meer entfachte schließlich seine Begeisterung für die Unterwasserwelt neu. Dort stieß er auf einen Kurs im Freediving, also im Apnoetauchen. „Mir war sofort klar, dass ich das machen will. Auch, um unter Wasser Fische zu fotografieren.“ Auf die ersten Grundkurse folgte schließlich der Tauchschein C. Mit diesem Schein darf Muschalle auch Freediving-Schüler ausbilden, sofern ein weiterer Tauchlehrer dabei ist.

Mehrere Minuten mit nur einem Atemzug unter Wasser zu bleiben, verlangt dem Körper einiges ab. Regelmäßiges Training und die richtige Technik sind entscheidend. Erste Fortschritte stellen sich laut Muschalle jedoch schnell ein. „Mit den richtigen Techniken schafft man es relativ schnell, auf zehn Meter zu tauchen.“

Ein besonderer Moment war für ihn, als er zum ersten Mal länger als anderthalb Minuten die Luft anhalten konnte. Um Rekorde geht es dem Weinheimer allerdings nicht. An Wettkämpfen nimmt er nicht teil. „Ich mache es, weil es mir Spaß macht“, sagt er.

Seine Leidenschaft hat ihn inzwischen an viele Orte geführt: Er tauchte vor Kuba, im Roten Meer und im Mittelmeer rund um Korfu. Auch Unterwasserhöhlen hat er bereits erkundet – allerdings niemals allein. „Solche Routen macht man nur mit erfahrenen Guides. Sonst kann eine solche Tour schnell lebensgefährlich werden.“

Sicherheit an erster Stelle

Sicherheit steht für Muschalle ohnehin an erster Stelle. Egal ob beim Apnoetauchen oder beim Tauchen mit Atemgerät: Allein sollte niemand ins
Wasser gehen. Darauf achtet auch der Tauchclub. Wer im Waidsee tauchen möchte, muss sich zuvor in eine Liste eintragen. Getaucht wird grundsätzlich mindestens zu zweit. „Durch die Liste weiß immer jemand, ob wir im See unterwegs sind.“

Dass der Waidsee trüb ist und es ab einer bestimmten Tiefe beinahe dunkel wird, stört Muschalle nicht. Je häufiger er dort taucht, desto vertrauter wird ihm die Umgebung. Auf die Frage, ob es unter Wasser nicht manchmal gruselig sei, muss er herzhaft lachen. Nein, sagt er. Und vollkommen still sei es dort unten ebenfalls nicht. „Man hört die Motorboote oder die aufsteigenden Luftblasen, wenn andere Taucher mit Flasche in der Nähe unterwegs sind.“ Selbst den kräftigen Schwanzschlag eines aufgeschreckten Welses könne man deutlich wahrnehmen. Bei seinen Tauchgängen  bleibt Muschalle meist anderthalb bis zwei Minuten unter Wasser. Anschließend erholt er sich an der Oberfläche für knapp zwei Minuten, bevor er erneut abtaucht. Seine Grenzen auszuloten, reizt ihn dabei nicht. „Ich tauche nur so lange und so tief, wie ich mich wohlfühle.“

Wenn Muschalle vom Tauchen erzählt, beginnt er zu schwärmen. „Ich bin dann völlig im Hier und Jetzt.“ Vielleicht ist es genau diese Konzentration auf den Moment, die für ihn einen großen Teil der Faszination ausmacht. Und natürlich sind es die Begegnungen unter Wasser. In den vergangenen Jahren sind ihm im Waidsee die unterschiedlichsten Bewohner vor die Kamera geschwommen. Besonders gut erinnert er sich an einen großen Wels: „Einmal ist einer direkt auf meine Kamera zugeschwommen und erst im letzten Moment abgedreht.“ Im Waidsee gebe es Welse, die mehr als zwei Meter lang seien. „Der größte, den ich kenne, ist 2,30 Meter lang“, sagt Muschalle. Auch die Begegnung mit einem ganzen Schwarm Barsche ist ihm im Gedächtnis geblieben. Und einmal schwamm im Flachwasser sogar eine Schildkröte bis dicht an seine Kamera heran.

Ein Wels ruht nahe der Oberfläche zwischen Geäst
Bis zu 2,30 Meter lang sind die Welse im Waidsee. Badegäste müssen sich dennoch nicht sorgen: Die Tiere sind überwiegend nachtaktiv und zeigen sich tagsüber nur selten in Oberflächennähe. – Bild: Andreas Muschalle

 

Doch seine vielen Stunden unter Wasser haben nicht nur eindrucksvolle Erinnerungen hinterlassen. „Das Tauchen hat meinen Blick auf die Seenlandschaft verändert“, sagt Muschalle. Er erlebt aus nächster Nähe, wie sich die Unterwasserwelt durch Umwelteinflüsse wandelt. Auch auf seinen Reisen in wärmere Regionen beobachtet er Veränderungen. Besonders die Korallenbleiche infolge hoher Wassertemperaturen beschäftigt  ihn. „Wenn man direkt sieht, wie sich die Natur verändert, verändert sich auch das eigene Umweltbewusstsein.“ Seiner Leidenschaft will der 69‑Jährige noch so lange nachgehen, wie er es sich körperlich zutraut. Außerdem hat er noch Pläne: Sobald es möglich ist, möchte er eine  Trainingsgruppe für Freediver aufbauen, die im Hohensachsener Hallenbad trainiert.

Muschalle wirkt zufrieden, wenn er über all das spricht. „Überall, wo ich hinkomme und tauchen kann, bin ich glücklich“, sagt er. Und so wird er wohl auch in den kommenden Jahren immer wieder am Ufer des Waidsees tief Luft holen, abtauchen und mit seiner Kamera jene Welt beobachten, die für die meisten Besucher des Sees unsichtbar bleibt.

 

Mit freundlicher Genehmigung
©WNOZ | Weinheimer Nachrichten | Weinheim/Bergstrasse | 10 | Mittwoch, 2. September 2026
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